Eine Stadt zwischen zwei Leben
Bonn hat ein Problem mit seiner eigenen Identität, das direkt auf die Kunst durchschlägt. 1991 wurde der Umzug nach Berlin beschlossen. 1999 war er vollzogen. Seither ist Bonn keine Bundeshauptstadt mehr, hat aber alle Strukturen einer Hauptstadt behalten. Die UN-Institutionen sind geblieben, ein Grossteil der Bundesbehörden auch. Die Museumsmeile ist geblieben. Und mit ihr das merkwürdige Gewicht einer Stadt die mehr Kulturinstitutionen hat als ihrer Größe entspricht.
Das wirkt sich auf die Kunstszene aus. Einerseits gibt es diese gut ausgestatteten grossen Häuser, die immer internationale Ausstellungen zeigen können. Andererseits fehlt das wirtschaftliche Umfeld das eine lebendige Galerienszene trägt. Sammler, Käufer, der Markt – der sitzt in Köln und Düsseldorf, nicht in Bonn.
Was trotzdem funktioniert
Die Kunstszene in Bonn ist weniger marktorientiert als in Köln, aber deshalb nicht weniger aktiv. Das ist kein Nachteil, es ist eine andere Art von Kunstbetrieb. Wer in Bonn ausstellt, rechnet nicht damit reich zu werden. Das schafft eine gewisse Freiheit im Programm. Und es erklärt warum man in Bonner Galerien manchmal Sachen sieht die woanders nicht gezeigt werden, weil sie schlicht nicht verkäuflich sind. Das Künstlerforum am Hochstadenring existiert seit 1969 als Verein und hat diese Zeit überlebt weil es nicht vom Markt abhängig ist. Ähnliches gilt für die GEDOK Bonn, die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer, die regelmäßig im Haus an der Redoute ausstellt.
Was Bonn hat sind Netzwerke. Lose, manchmal unsichtbar, aber vorhanden. Die Gruppen die sich für den alten Saisonstart zusammengefunden haben existieren weiterhin. Die Fabrik 45 am Hochstadenring ist noch da. Die Videonale, eines der ältesten Videokunsttfestivals Deutschlands, macht seit 1984 in Bonn ihr Programm. Das ist mehr als man in manchen vermeintlich aufregenderenStädten findet.
Die Nordstadt als Zentrum
Wenn es einen Ort gibt wo Bonner Kunstleben räumlich konzentriert ist, dann ist es die Nordstadt. Das ist der Stadtteil rund um den Hochstadenring, die Adolfstraße und die angrenzenden Straßen. Hier liegt das August Macke Haus, das Künstlerforum, mehrere Galerien. Das Viertel ist dicht, die Wege kurz, die Altbauten groß genug für Ateliers.
Das Macke-Viertel hat in den letzten Jahren eine langsame Aufwertung erlebt die das Viertel verändert aber noch nicht zerstört hat. Cafes, Buchläden, die kleinen Restaurants – das Viertel hat etwas Eigenständiges behalten, was seltener wird in deutschen Städten.
Projekträume und Off-Spaces
Es gibt sie auch in Bonn, die Projekträume die ohne institutionellen Rückhalt arbeiten. Sie sind weniger sichtbar als in Berlin oder Köln, tauchen aber regelmäßig auf. Der Projektraum Skulptur in der Gartenstraße in Beuel ist so ein Ort, der mit wechselnden Kooperationen zweidimensionale und dreidimensionale Positionen zeigt. Das S.Y.L.A.NTENHEIM, früher selbst eine Adresse, gastiert bei anderen Orten.
Diese informellen Räume sind schwer zu dokumentieren weil sie sich verändern, manchmal verschwinden, neu entstehen. Wer sucht findet sie in Ankündigungen auf Plakaten, in lokalen Kulturkalendern, gelegentlich auf Instagram. Kein fester Eintrag der immer stimmt.
Bonn und die Kunsthochschule
Eine Sache die Bonns Kunstszene fehlt, und das spürt man, ist eine eigene Kunsthochschule in der Stadt. Die Alanus Hochschule liegt in Alfter, direkt vor den Toren Bonns, und produziert regelmäßig Absolventen die in Bonn bleiben oder zumindest aussstellen. Aber die Art wie eine Hochschule eine Stadtszene belebt, der kontinuierliche Strom junger Positionen, das Off-Programm der Studierenden – das fehlt im Bonner Kern.
Viele Künstler die in Bonn ausstellen kommen aus Köln, Düsseldorf oder dem weiteren Rheinland. Das ist keine Schwäche der Szene, aber es erklärt warum Bonn keine eigenständige Kunstidentität im Sinne einer Schule oder eines Stils entwickelt hat. Was es hat ist Breite, Offenheit und die Fähigkeit, Positionen zu zeigen die anderswo keinen Platz finden würden.
Ausblick
Die Bonner Kunstszene wird nicht grösser werden. Das Umfeld dafür fehlt, und das ist auch keine realistische Erwartung. Was sie aber haben kann ist eine eigene Qualität, die sich aus den Bedingungen der Stadt ergibt: gut ausgestattete grosse Häuser die experimentieren können, eine kleine aber konstante Galerien- und Projektraumszene, Netzwerke die halten. Das ist nicht nichts. Es ist sogar ziemlich viel für eine Stadt dieser Größe.
Wer die Bonner Kunstszene kennenlernen möchte, fängt am besten nicht auf der Museumsmeile an. Die ist gut und wichtig, aber sie zeigt nicht die lokale Szene sondern internationale Positionen. Wer wissen möchte was in Bonn selbst passiert, geht in die Nordstadt, schaut beim Künstlerforum vorbei, sucht die kleinen Ankündigungen auf den Plakaten an den Litfaßsäulen rund um den Hochstadenring. Dort beginnt die eigentliche Bonner Kunstszene.
Bonn hat eine Tradition des Kunstmachens die parallel zu den großen Institutionen läuft und von ihnen wenig abhängig ist. Das Künstlerforum existiert seit 1969, die Videonale seit 1984 – beide älter als die Museumsmeile. Diese Kontinuität ist vielleicht das eigentliche Markenzeichen der Bonner Kunstszene: kein Hype, keine Peaks, kein Absturz. Einfach immer weiter machen.